Ich komme aus Ungarn, mein Mann (A.) ist Halbitaliener und wir haben uns im Februar 2001 ganz modern im Internet kennengelernt. Ich war schon seit 1,5 Jahren in Deutschland und habe an meiner Doktorarbeit in Marburg geschrieben. Ich habe kurz davor mit meinem Ex Schluss gemacht - er lebte in Heilbronn, ich in Marburg (er war Halbungar), wir haben zwei Jahre lang eine 1000 km Fernbeziehung geführt und als ich nach Deutschland kam, haben wir rausgefunden, dass wir nicht zueinander passen.
Ich habe das Foto von meinem zukünftigen Mann gesehen und habe mich in ihn sofort unsterblich verliebt! Bisschen oberflächlich - ich habe ihn ja gar nicht gekannt, ich habe seine Stimme noch nicht gehört. Aber ich konnte nur noch dieses Foto anstarren und von uns träumen. Lange habe ich nicht gezöger, ich habe ihm geschrieben und ihn gefragt, ob er nicht Lust hätte, eine Ungarin kennenzulernen. Er hat bald geantwortet, das erste und nicht das letzte Mal "ja" gesagt! Dabei kam raus, dass seine Mutter ebenfalls Ausländerin ist - wir hatten schon einen gemeinsamen Punkt. Fünf Wochen lang haben wir einander nur Emails geschrieben, jeden Tag mehrere. Es war sooo spannend, eine sehr schöne Zeit in meinen Erinnerungen!
In den ersten Wochen von unserem Kennenlernen (im März) bin ich mit meinem Chef nach Amerika an die Westküste zu einem Konferenz geflogen. Weiter Weg konnten wir von einander gar nicht mehr sein - hat er gescherzt. So war es und leider gab es auf dem Gelände kein Internet. Ich habe von anderen gehört, dass es in der Stadt einen Internet-Café gab, so hab ich ich mich mit einem indischen Forscher auf den langen Weg gemacht und zu Fuss in die Stadt gelaufen. Wer schon in Amerika war, der weiss, dass die Städte nicht für Fussgänger konzipiert wurden, sondern für Autos.

Wie ich sehe, heute gibt es im Conference Center high speed Internet, damals sind wir 1,5 Stunden bis zum Cafe gelaufen, es wurde in der Zwischenzeit auch schon dunkel. Alleine hätte ich diesen Weg nicht gewagt, obwohl wir unterwegs keine Menschenseele getroffen haben. Endlich konnte ich aber lesen, was A. mir geschrieben hat und konnte ihm antworten. Nach der Konferenz habe ich noch eine Woche mit meinem Ex in San Francisco verbracht. Die Reise haben wir schon zusammen geplant und die Flugtickets gekauft, bevor ich A. überhaupt kennengelern habe - da war nichts zu machen. Aber es ist nichts passiert, ich war schon in einen anderen verknallt und er hat sich gefreut, dass er nochmal mit mir Zeit verbringen konnte. Am Anfang unserer Beziehung mit meinem Mann haben wir oft über diese eine Woche mit meinem Ex diskutiert - nichts böses, nichts vorwerfendes, sondern immer mit schwarzem Humor erwähnt. Mein Mann ist ein Meister des schwarzen Humors und ich liebe es nach wie vor sehr an ihm! Ich glaube, es ist sowas, was man entweder liebt oder hasst.

Ich war damals 28 Jahre alt und mein Mann 31. Ich habe noch lange nicht an Familie oder an Kinder gedacht. Ich habe gerade an meinem Doktor gearbeitet und die Forschung war mein Leben. Ich habe es einfach geliebt, von morgens bis abends im Labor zu sein und zu pipettieren, Gele und PCR laufen zu lassen oder zu mikroskopieren. So ähnlich liefen meine letzten 3 Jahre an der Uni (noch in Ungarn) ab, deswegen hatte ich eher oberflächliche Beziehungen, dabei auch die Fernbeziehung nach Deutschland mit meinem Ex. A. wohnte 40 km entfern von mir - das war nicht weit, mit dem Zug jedoch etwas umständlich. Ich hatte kein Auto. Wir führten eine Wochenendbeziehung, bis ich mit dem Dotor fertig war und anfing als Postdoc im Zentrum für Humangenetik zu arbeiten. Wir haben ein Häuschen auf halbem Weg gefunden, sind zusammengezogen. Er fuhr dann jeden Tag nach Süden zur Arbeit und ich nach Norden.
Nach zwei Jahren lief mein Vertrag in der Humangenetik aus und ich musste schauen, wo ich eine neue Stelle kriege. Ich habe viele Bewerbungen geschrieben und einige Vorstellungsgespräche mitgemacht, wurde aber nicht genommen. Mein Mann hat um meine Hand nicht angehalten, er wollte eigentlich nicht heiraten und Kinder wollte er auch keine. Hmmm... für mich war es zwar auch nicht dringend (da war ich 31), aber ohne Aussichten auf eine ernsthafte Bindung, musste ich überlegen, ob diese Beziehung es wert war, meine Karriere aufzugeben und mich arbeitslos zu melden. Oder sollte ich auch woanders in Deutschland, evtl. im Ausland auf Jobsuche gehen. Da mein Mann mir nicht entgegen kam (er dachte es wird schon irgendwann), habe ich mich für letzteres entschieden: ich habe nach Jobs in Amerika und Kanada Ausschau gehalten, wie ich es vorhatte, bevor ich A. kennengelernt habe. Ich bin mir sicher, mein Mann hat das Ernst der Lage nicht wahrgenommen, bis ich ihm an einem Nachmittag die Emails von zwei Professoren gezeigt habe, mit denen ich über eine Stelle verhandelt habe. Eine Forschungsgruppe arbeitete in Miami, die andere in Halifax (Kanada). Beide hatten ein Thema, an dem ich während meiner Diplom- und Doktorarbeit gearbeitet habe. Es passte gut.
Ich habe A. gesagt, es ist ok, wenn er nicht heiraten will. Wir können es auch so machen, dass ich für ein Jahr ins Ausland gehe, um an meiner Karriere zu arbeiten. Danach komme ich zurück und wir schauen, wie es mit uns weitergeht. Oder er könnte mitkommen und dort einen Job suchen. Bei seiner Firma könnte er ein Jahr Urlaub nehmen. Danach kommen wir zurück. Oder wir führen eine Fernbeziehung.
Es waren spannende Tage - ich musste den Profs bald zurückschreiben, ob ich komme oder nicht. Mein Mann musste sich überlegen, ob er mich gehen lässt. Wir waren seit 4 Jahren zusammen. Auch wenn unsere Beziehung nicht immer perfekt war, wir passten gut zusammen und wir haben uns geliebt. Trotzdem, wäre ich weggegangen, ich hätte ohne Probleme eine Fernbeziehung führen können, ich wäre ihm auch treu geblieben. Ich hatte vor ihm schon eine Fernbeziehung über mehrere Jahre lang geführt, ein Jahr hätte ich auf einem Fuss hüpfend ausgehalten. Wenn es um die Forschung ging, war ich sehr motiviert, ich hab oft nach 21 Uhr noch gearbeitet oder um Mitternacht im Tierstall Mäuse verpaart. In Amerika/Kanada hätte ich mich auch eher mit Forschung beschäftigt, als mit anderen Männern.
A. war schnell, er hat über das Thema nachgedacht und gesagt, ich soll nicht gehen. Er wollte sein Leben in Deutschland nicht aufgeben, mochte Amerika nicht besonders und er hatte Angst, dass ich nach einem Jahr nicht zurückkommen würde. Ich soll also bleiben und wir heiraten und gründen eine Familie.
Ich weiss - nicht besonders romantisch. Ich bin auch keine Romantikerin, eher bodenständig, realistisch - Forscher eben. Deswegen hat es mir überhaupt nichts ausgemacht, dass um meine Hand nicht angehalten wurde, sondern wir es so "besprochen" haben. Es scheint vielleicht so zu sein, als hätte ich meinen Mann zu dieser Entscheidung gezwungen und er sich nur unter Druck fürs Heiraten und Kinder entschieden hat. Anderseits muss man auch verstehen, dass ich sehr sehr lange studiert habe, die Forschung mein Leben war und ich keinen Job in der Nähe finden konnte. Ich hatte eigentlich die Wahl nicht: Karriere oder Familie, weil A. nicht heiraten wollte. Ich habe trotzdem in Erwägung gezogen, die Arbeitslosigkeit zu wählen und die Familie, wenn A. das und mich auch will. Er wollte und ich bin in Deutschland geblieben. Ich hatte keinen Job, hab unsere Hochzeit vorbereitet. Das war viel Papierkram, mehrere Dokumente mussten aus Ungarn besorgt, übersetzt und beglaubigt werden. Alles ging ziemlich reibungslos und bis August 2005 war alles bereit und unserer Hochzeit stand nichts mehr im Wege.